Der Brenner ist ein Ort intensiver Kindheitserinnerungen. Das Gewimmel um die Marktstände, die skeptischen Blicke der Grenzbeamten, der Geschmack von Mortadella und Salami, der Anblick von bauchigen, bastumflochtenen Weinflaschen, der Geruch der italienischen Lederwaren und -schuhe. Vor 40 Jahren war der Grenzort ein Sehnsuchtsort. Mit den Waren, die am Brennermarkt erworben werden konnten, wechselte oftmals auch ein Stück italienischer Lebensart auf die österreichische Seite des Brenners. Groß war die Freude, wenn das eine oder andere Stück erfolgreich an den Zollbeamten vorbei geschmuggelt werden konnte. Am Weg in den Urlaub zu den goldenen Sandstränden von Grado, Jesolo, Cesenatico und Rimini eröffnete die Überwindung des Brennerpasses das Tor in den sonnigen Süden.
Heute präsentiert sich der Brenner als Ort der Gegensätze. Vergangenes trifft auf Gegenwärtiges. Beeindruckende Naturdenkmäler und wirtschaftliche Interessen stehen einander oftmals unvereinbar gegenüber. Neben einem aufgelassenen Geschäftslokal erinnert eine Gedenktafel an “Giovanni Wolfgango Goethe”, der 1786 am Brenner in Erwartung war, “dass der Morgen diese Felskluft erhelle, auf der ich in der Grenzscheide des Suedens und Nordens eingeklemmt bin.” Im Winter 1940 trafen am Bahnhof Brenner Mussolini und Hitler aufeinander. “The weather was a little chilly perhaps” kommentiert ein launischer Nachrichtensprecher den Handshake der Diktatoren am verschneiten Brennerpass. Die Gegensätzlichkeit der Grenzregion wirft Fragen auf: Wer profitiert von den geöffneten Schengengrenzen? Für wen bleiben die Grenzen auf absehbare Zeit weiterhin verschlossen? Wie werden die Grenzen dennoch überwunden? Welche Hoffnungen und Gefahren sind mit sogenannten “irregulären” Grenzübertritten verbunden? Wie Zukünftiges gedacht werden und aussehen könnte, zum Wohle möglichst vieler Menschen, bleibt dabei oftmals ungewiss.